Berühmte Namensträger: Egon

Einen Heiligen führt die Kirche nicht, wohl aber einen Seligen, der durch Predigt und Krankenheilungen verehrungswürdig geworden ist. Man feiert den frommen Mann, Abt Egon vom Benediktinerkloster der Heiligen Ulrich und Afra zu Augsburg, am 15. Juli.

Da in dieser Reihe schon einige Male aus der >Kulturgeschichte der Neuzeit< von Egon Friedell zitiert worden ist, scheint es wohl geboten, beim Vornamen Egon den geistreichen Literaten selbst vorzustellen. Natürlich würde es dazu keines Anlasses bedürfen; dieses vielseitig begabte Original der Wiener literarischen Szene ist allemal eine Erwähnung wert. Der jüdische Intellektuelle (1878-1938) aus der Familie des Seidenfabrikanten Friedmann war nach Studienjahren in Berlin, Heidelberg und in seiner Heimatstadt Wien promovierter Germanist. 1908 wurde er künstlerischer Leiter des Theaterkabaretts »Die Fledermaus«, für das er auch, gelegentlich zusammen mit Alfred Polgar, parodistische Texte schrieb. Auch im Kabarett >Simpl< ist er aufgetreten. Ein Jahrzehnt lang schrieb er dann Theaterkritiken, Feuilletons und geistreiche Aphorismen. In den zwanziger Jahren war er in vielen Chargenrollen bei Max Reinhardt in Berlin und Wien zu sehen.

Friedell, der mit Peter Altenberg, Alfred Polgar, Anton Kuh und anderen Begabungen der Wiener Kaffeehausgesellschaft befreundet war, schrieb auch Lustspiele, einen utopischen Roman – und schon 1920 für das Burgtheater das Schauspiel >Judastragödie<. Als aber 1927 der erste Band seiner Kulturgeschichte herauskam, setzte er die ganze Literatenclique in Erstaunen; keiner konnte sich vorstellen, wann Friedell neben seinen täglichen Pflichten, den zahlreichen Bühnenauftritten und fast ständiger Präsenz im Kaffeehaus diesen enzyklopädischen Wälzer zustande gebracht hatte. Friedell hat sich dazu einmal selbst geäußert: »Ich arbeite im Kaffeehaus mehr als ein anderer in seinem Geschäft.« Und in der Tat, diesem großartigen kulturhistorischen Rundumschlag in drei Bänden war eine zehnjährige Fleißarbeit vorausgegangen.

Spektakulär sind vor allem die unorthodoxe Sicht der Ereignisse, ihre souveräne Interpretation, die extrem subjektive, antiwissenschaftliche Art und die Unbefangenheit, mit der der Autor an fünfhundert Jahre europäischer Geschichte, Kunst und Kultur herangegangen ist. Was Friedells Kulturgeschichte noch immer zur genußvollen Lektüre macht, ist die geniale Darstellungsweise, mit der er schwierige Sachverhalte essayistisch-anekdotisch aufbereitet – dazu sein virtuoser Umgang mit der Sprache.

Das Werk wurde ein durchschlagender Erfolg. Dabei lagen, wie bei so manchem späteren Longseller, auf dem Weg durch den Verlagsdschungel bis zum Leser kuriose Hindernisse. Das damals in Deutschland führende Verlagshaus war Ullstein in Berlin. Dort hatte man das Buchmanuskript zwar angenommen, wollte aber vom vorgeschlagenen Titel nichts wissen. Ullsteins ließen durchblicken, daß der Titel >Kulturgeschichte der Neuzeit< doch vielleicht eine Nummer zu groß sei für das geplante Druckwerk; immerhin sei sein Verfasser vor allem als Kabarettist bekannt. Das nahm Egon Friedell dem Verlag sehr übel. Er reagierte auf seine bissige Art und empfahl dem Lektorat, auf andere Verlagsprodukte des Hauses anspielend, Alternativ-Titel wie >Kulturgeschichtleins Brautfahrt< oder >Von der schwarzen Pest zur grünen Post<, womit das Projekt für den beleidigten Verleger und wohl auch für den gekränkten Friedell erledigt war. Das Manuskript ging zum Münchner C.H. Beck Verlag, wo das Werk, neben einer Taschenbuchausgabe, bis heute erscheint – unter seinem seinerzeit umstrittenen Ursprungstitel.

Auf die gekränkte Frage eines anderen Berliner Verlegers, warum der Autor den erfolgreichen Titel nicht ihm anvertraut habe, antwortete Friedell beziehungsvoll: »Wäre das Neue Testament in Ihrem Haus verlegt worden, so hätte das Christentum weitaus nicht die Ausbreitung gefunden, die es erfahren hat.«

Über Friedells tragisches Ende berichtet Carl Zuckmayer sehr bewegend in seinen Lebenserinnerungen. Der Dramatiker begegnete dem niedergeschlagenen Kollegen zufällig mittags in Wien – es war Anfang März 1938. Friedell hielt ihn an und lotste ihn »nur für einen Schluck« in die Reiß-Bar am Neuen Markt. Er wollte wissen, ob es in Zuckmayers neuem Stück, das im Theater in der Josephstadt uraufgeführt werden sollte, eventuell eine Rolle für ihn gäbe. Aus dem einen Schluck wurden viele – Friedell war Alkoholiker.

Zuckmayer erinnert sich an die erschütternde Szene, als Friedell mitten im Gespräch über Reinhardt hektisch fragte: »Was tust du, wenn die Nazis kommen?« »Sie kommen nicht.« »Und wenn sie doch kommen?« »Dann«, antwortete Zuckmayer, »wird wohl nichts weiter übrigbleiben, als über die Grenze zu gehen.« »Ich gehe nicht«, sagte Friedell völlig verzagt, »was soll ich in einem anderen Land? Da bin ich doch nur ein Schnorrer und eine lächerliche Figur.«

Am 16. März 1938 (vier Tage nach dem Einmarsch der Deutschen in Österreich) stürzte sich Friedell in Panik aus dem Fenster seiner Wohnung, als zwei SA-Leute bei ihm klingelten. Das Tragisch-Absurde: Es stellte sich heraus, daß die Männer einen ganz anderen suchten – während Friedell auf dem Gehsteig vor dem Hause starb.

Egon Erwin Kisch

Egon Erwin Kisch (1934)

Auch ein anderer Egon von der schreibenden Zunft, als »Der rasende Reporter« bekannt, tauchte von Zeit zu Zeit in Wien I, Cafe Central, auf, weil da zu gewissen Tages- oder Nachtstunden nahezu die gesamte geistige Elite Wiens anzutreffen war: Zeitungs- und Theaterleute, Künstler und Literaten, gelegentlich sogar Politiker. Egon Erwin Kisch (1885-1948), der deutsch-jüdische Prager, war anfangs Lokalreporter und bald beim >Berliner Tagblatt< unter Vertrag, später reiste und raste er für verschiedene liberale Blätter – man findet ihn auf allen Kontinenten, überall, wo Geschichte gemacht und Geschichte geschrieben wurde: in China, in der Sowjetunion, in Amerika und im Spanischen Bürgerkrieg. In Deutschland wurde er am Tag nach dem Reichstagsbrand verhaftet und abgeschoben.

Kisch schrieb geistreiche Feuilletons und auch Romane, aber sein Hauptverdienst: Er gab der Reportage literarischen Rang. »Vibrierend von nervöser Vitalität«, hat Klaus Mann diesen ewig jagenden und gejagten Literaten, den er in Amsterdam traf, beschrieben, »geplagt von nie ganz erfüllten … Ambitionen, aggressiv, humorvoll, enthusiastisch, ein echter Weltfreund und Weltverbesserer, fast ein Romantiker, mit marxistischmaterialistischen Grundsätzen.«

Nach dem Krieg kehrte Kisch in seine Heimatstadt Prag zurück. Wie so viele literarische Anekdoten ist vermutlich auch folgende Geschichte, wenn schon nicht erfunden, so doch wirkungsvoll dramatisiert. Kisch produzierte ja Anekdoten am laufenden Band über andere, warum sollte er da nicht auch bei der Legendenbildung um seine Person ein wenig nachgeholfen haben. Friedrich Torberg erzählt diese oft gehörte Begebenheit in >Tante Jolesch< auf seine Weise. Sie spielt in den Tagen des Umsturzes in Wien, unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Es muß noch vorausgeschickt werden, daß die alte Kisch, Egons Mutter in Prag, allseits respektierter Chef der ganzen Kisch-Mischpoke gewesen sein soll. Ihr Wort hatte nicht nur bei den eigenen Söhnen, sondern auch in der großen Verwandtschaft Gewicht.

Ein Trupp der »Roten Garde« unter Führung von Egon Erwin Kisch soll also ins Redaktionsgebäude der Wiener >Neuen Freien Presse< eingedrungen sein. Im Treppenhaus stellte sich Paul Kisch (Egon Erwins Bruder), Wirtschaftsredakteur des Blattes, den eifrigen Revolutionären in den Weg:

»Was willst du hier, Egon?
»Das siehst du ja, wir besetzen eure Redaktion.«
»Wer – wir? « »Die Rote Garde.«
»Und warum wollt Ihr gerade die >Presse< besetzen?«
»Weil sie eine Hochburg des Kapitalismus ist.«
»Mach dich nicht lächerlich und schau, daß du weiterkommst!«
»Paul, du verkennst den Ernst der Lage. Im Namen der Revolution fordere ich dich auf, uns den Weg freizugeben, sonst …!«
»Gut, Egon. Ich weiche der Gewalt. Aber eins sag ich dir: Ich schreib’s noch heut‘ der Mama nach Prag.«

Verläßlichen Quellen zufolge soll Egon daraufhin den Befehl zum Rückzug gegeben haben.

Von Ernö und Renate Zeltner

Berühmte Namensträger von A bis Z

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