Berühmte Namensträger: Kaspar

Der früheste unter den bekannten Namensträgern ist derjenige von den Heiligen Drei Königen, der später in der Kunst meist als Mohr dargestellt wurde. Zwar kamen alle drei – man nannte sie Caspar, Melchior, Balthasar – vermutlich aus Persien oder dem Zweistromland; daß man aber einen der weisen Magier, denen die Legende später die Königswürde verlieh, kurzerhand nach Afrika verpflanzte, hat gewiß mit der Idee des Christentums als weltumspannende Religion zu tun. Ob Caspar, der König aus dem Morgenland, der bis heute bei den Sternsingern die beliebteste und malerischste Figur ist, ob dieser Caspar wohl zum Stammvater einer anderen Gestalt geworden ist, die bei den Kindern bis heute ungeheure Popularität genießt?

Ein König ist er natürlich nicht, der Held des Kasperle-Theaters. Doch für die Kinder, die seinen Streichen und Possen gebannt folgen, verkörpert er das Schlaue und das Anständige, das schließlich über Hexen, Teufel, Zauberer und andere Taugenichtse siegt. Kasperle löste im 18. Jahrhundert im Leopoldstädter Theater zu Wien den Zoten reißenden Hanswurst als Narren ab. Der Schauspieler Johann Laroche (gestorben 1807) hat ihn als Bühnenfigur etabliert und damit unzählige Kinder glücklich gemacht. Seit Generationen krähen sie – gespannt und gebannt vor der Puppenspielerbühne aufgereiht – auf die Kasperl-Frage: »Kinder, seid Ihr alle da?« wie aus einem Mund ihr fröhliches »Ja«.

Etwas seltsam Kurioses umgibt auch einen weiteren Kaspar, doch sind er und sein tragisches Schicksal von ganz anderer Art. Pfingstmontag im Mai 1828 wurde in Nürnberg ein etwa 15- bis 16jähriger Bub aufgegriffen, der körperlich und geistig einen vernachlässigten Eindruck machte. Er litt offensichtlich an den Folgen längerer Isolierung und konnte sich sprachlich kaum verständlich machen. Man hat nur so viel aus ihm herausbekommen, daß er Kaspar Hauser genannt wurde und daß er, solange er denken konnte, in irgendeinem dunklen Verschlag gelebt hatte.

Kaspar Hauser

Kaspar Hauser

Identität und Vergangenheit des rätselhaften Findlings blieben trotz öffentlicher Bekanntmachungen und umfangreicher polizeilicher Ermittlungen ungeklärt. So gab der Magistrat den Jungen zur Erziehung in die Familie Daumer. Der interessierte Gymnasiallehrer Daumer entdeckte beim Zögling allerlei erstaunliche Fähigkeiten, was das ohnehin schon große Interesse an dem heimatlosen Menschen zusätzlich angefacht hat. Seltsame Gerüchte über die Herkunft von Kaspar Hauser kamen auf; auch der berühmte Jurist und Kriminalist Anselm von Feuerbach, damals Präsident des Ansbacher Appellationsgerichts, glaubte, daß der Jüngling unschuldiges Opfer einer dynastischen Intrige und eigentlich der beiseite geschaffte legitime Erbprinz von Baden sei. Sogar für einen Sohn Napoleons hielten ihn manche. Der Fall Hauser wurde zum großen Thema, ja zur europäischen Sensation.

1829 entging der inzwischen zum Objekt allgemeinen Interesses avancierte Kaspar nur knapp einem Mordanschlag. Daraufhin kam er in die Obhut der Familie des Magistratsrats Biberbach, mußte aber bald wegen erotischer Nachstellungen der Rätin zur Familie des Ratsherrn von Tucher ziehen. 1831 begann sich ein englischer Reisender, Lord Stanhope, für Kaspar Hauser zu interessieren; er brachte ihn nach Anshach, adoptierte ihn und setzte ihm eine monatliche Apanage aus. Dem Engländer unterstellte man damals »zwielichtige Absichten«; als er das Interesse an dem Schützling verlor, vertraute er diesen einer Lehrerfamilie an, wo der inzwischen prominent gewordene Kaspar Hauser die letzten Monate seines kurzen
Lebens verbracht hat. Bei einer mysteriösen Verabredung im Dezember 1833 wurde er nämlich im Ansbacher Hofgarten niedergestochen und starb einige Tage später. Die Tat konnte nie aufgeklärt werden.

Aus der ungestillten Neugier, der Hauser ausgesetzt war, wurde ein langer, unentschiedener Streit zwischen zwei Lagern. Die einen waren mit unerschütterlicher Überzeugung für die herzoglich-badische Abstammung, den anderen galt Kaspar Hauser als Hochstapler und Schwindler, der mit dem mißglückten Selbstmordversuch das nachlassende Interesse an seiner Person erneut auf sich habe lenken wollen – waren doch seine letzten Worte gewesen: »Es hat mir niemand etwas getan.«

Als Reaktion auf Hausers Tod gab es viele Jahre lang immer wieder neue Spekulationen und massenhaft Gedrucktes über das »verwilderte Kind« – authentische Mitteilungen, Selbstzeugnisse, Augenzeugenberichte und andere literarische Beweisführungen. Zum 100. Todestag des geheimnisvollen Kaspar schwoll dann die Hauser-Literatur erneut maßlos an; und längst hatte sich auch die Verhaltensforschung dieses Modellfalls für die Isolierung eines Heranwachsenden angenommen.

Aber auch heute, 170 Jahre nach dem rätselhaften Auftauchen des geheimnisvollen Individuums, fällt es findigen Fremdenverkehrsexperten nicht schwer, eine Stadt ins Kaspar-Hauser-Fieber zu versetzen: Ansbach veranstaltet über zwei Augustwochen Kaspar-Hauser-Festspiele mit Theateraufführungen, Filmen, Ausstellungen und Stadtführungen zu dem Thema, und die Initiative »Gerechtigkeit für Kaspar Hauser« lädt zum »wissenschaftlichen« Vortrag über das Phänomen Hauser ein. Doch das Rätsel ist längst nicht mehr die Herkunft dieses armen Teufels, sondern das unsterbliche Interesse an dem Fall, der auch als frühes Musterbeispiel für die zerstörerische Hätz von Menschen und Medien auf einen Außenseiter gelten kann.

Von Ernö und Renate Zeltner

Berühmte Namensträger von A bis Z

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