Berühmte Namensträger: Hildegard

Daß die heilige Hildegard von Bingen (1098-1179), deren Namensfest am 17. September gefeiert wird, die Schutzpatronin der Sprachforscher geworden ist, verdankt sie einer Begabung, die sich in ihren jüngeren Jahren kaum erahnen ließ. Hildegard, die in Germersheim bei Alzey als Kind einer Adelsfamilie geboren wurde, war ein schüchternes Mädchen und eine zurückhaltende, fast gehemmte junge Frau. Sie wurde in klösterlicher Umgebung von einer gräflichen Tante, die als Klausnerin auf dem Disibodenberg bei Bingen lebte, erzogen. Dort bekam sie nicht nur eine intensive religiöse Ausbildung und viele praktische Kenntnisse vermittelt, sondern auch Einblick in naturwissenschaftliche und medizinische Zusammenhänge. Daß sie Visionen und Erscheinungen hatte, verschwieg sie lange Zeit, weil sie fürchtete, verlacht und nicht ernst genommen zu werden. Dann jedoch erhielt sie nach eigenem Bekunden die Berufung, im Sinne ihres göttlichen Auftraggebers in die Welt zu wirken, und sie nahm – ganz gegen ihre zurückhaltende und bescheidene Natur – diesen Auftrag an.

Hildegard von Bingen

Hildegard von Bingen empfängt eine göttliche Inspiration. Miniatur aus dem Rupertsberger Codex des Liber Scivias.

In der ersten Phase ihres Wirkens begann sie zu schreiben, und sie brachte ihre religiösen Erkenntnisse ebenso zu Papier wie das naturkundliche (>Physica<) und das medizinische Wissen (>Causae et curae<) ihrer Zeit. Auch hat sie mehr als dreihundert Briefe verfaßt; ihre Korrespondenz mit Herrschern und Heiligen, mit Päpsten und Ärzten zeugt von hohem religiösem, wissenschaftlichem und sozialem Engagement. Sie wagte es, auch den Mächtigen die Leviten zu lesen und sie an Pflichterfüllung und Barmherzigkeit zu erinnern. In einem gestrengen Brief an Kaiser Friedrich Barbarossa heißt es beispielsweise:

Der höchste Richter läßt Dir sagen: Ein König stand auf einem hohen Berg und sah, was sich unten in den Tälern alles abspielte. Er hielt eine Rute in der Hand und ordnete alles aufs Beste. Einmal schloß er seine Augen und siehe da, ein schwarzer Nebel kam und bedeckte die Täler. Auch Raben kamen und andere Vögel und verzehrten die umliegende Beute. Deshalb, o König, öffne Deine Augen und schaue sorgfältig umher, denn alle Länder sind beschattet von Betrügern, die mit ihren Sünden die Gerechtigkeit verdrängen. Räuber und Irrgeister zerstören den Weg des Herrn. Und Du, o König, regiere die wilden Sitten mit dem Zepter der Barmherzigkeit. Denke nach, wie der höchste Richter Dir zusieht, damit Du nicht einst angeklagt wirst, als hättest Du die Pflicht Deines Amtes nicht wahrgenommen und Du deshalb nicht verdammt werdest.

Ein weiterer göttlicher Auftrag ermunterte Hildegard, für den Ausbau der klösterlichen Gemeinschaft Sorge zu tragen. Sie war inzwischen Benediktinerin geworden und regierte als Äbtissin den Frauenkonvent, dem ihre Tante einst vorgestanden hatte. Da der Zustrom von Nonnen immer größer wurde, ließ Hildegard auf dem Rupertsberg (Bingerbrück) ein großes Kloster errichten, das im Lauf ihres Wirkens zum Ziel unzähliger Ratsuchender und Kranker, aber auch wißbegieriger Zeitgenossen wurde, denn dem Kloster war eine Schreibschule angeschlossen.

Schließlich erreichte sie der göttliche Auftrag, ihr Wissen und den Inhalt ihrer Visionen weiter zu verbreiten. Und so begab sich Hildegard auf ausgedehnte Missionsreisen in alle Teile Deutschlands, bei denen sie die Herrschenden ebenso erreichte wie die Gelehrten und das einfache Volk.

Die mystischen Visionen wie die praktischen Lebensweisheiten der großen Schriftstellerin und Seherin des Mittelalters haben in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine erstaunliche Renaissance erlebt. Vielfach werden sie allerdings auf allzu simple und vordergründige Weise in den Dienst einer einträglichen Esoterik-Schwärmerei gestellt, die den Intentionen dieser imposanten Intellektuellen gewiß nicht gerecht wird. In ihrer Zeit waren Hildegard von Bingens Erkenntnisse und ihr praktisches Alltagswissen gewiß revolutionär, doch sollte man sich hüten, es kritiklos in unsere Welt zu transponieren. Allzu viele und allzu eifrige Propagandisten ihrer Weisheiten versuchen klingende Münze aus ihrem Erbe zu schlagen und versündigen sich damit am Geist der Hildegard von Bingen.

Von Ernö und Renate Zeltner

Berühmte Namensträger von A bis Z

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