Amicella Logo

Vornamenhitlisten der Jahrzehnte

Die beliebtesten Vornamen der

Vornamen über die Jahrzehnte von den 1890er bis zu den 2000er Jahren

Von Sigrid Tinz

Wie soll es heißen? Welcher ist der beste Name für unser Kind? Das fragen sich wohl alle werdenden oder frisch gewordenen Eltern. Alle Eltern werden verschiedene, sehr persönliche Gründe nennen können, warum sie sich letztendlich so oder so entschieden haben. Wer aber über Jahrzehnte und Jahrhunderte alle Namen betrachtet, wird feststellen: Wie ein Kind heißen soll, entscheidet (auch) der Zeitgeist.

‘Nomen est omen’, das sagt der Volksmund so und ein bisschen hat der Volksmund ja immer recht. Nomen ist aber auch viel ‘desiderium': ein Wunsch. Ein Wunsch der Eltern nämlich, ihr Kind mit einem guten Namen auf seine Lebensweg zu schicken. Das ist so, das war so – egal ob 1890, im Mittelalter oder vor Christi Geburt – und das wird wohl auch so bleiben.

Mädchennamen © monropic - Fotolia.com

Was für Eltern ein guter Name ist, unterscheidet sich selbstverständlich: „Schön soll der Name sein.“ „Wohlklingend.“ „Möglichst kurz.“ „Mehrsilbig.“ „Nicht ordinär.“ „Ganz normal.“ „Zeitlos.“ „Etwas Besonderes.“ „Wie jemand Berühmtes.“ „Auf keinen Fall wie ein Promi-Kind.“ „Nichts, was man buchstabieren muss.“ „Der Name darf keinen Anlass bieten für Hänseleien.“ „Er soll in allen Sprachen gleich ausgesprochen werden.“ „Er soll sich gut abkürzen lassen.“ „Man darf ihn nicht abkürzen können.“ „Der Name soll zu dem der Geschwister passen.“ „Er soll ein exotischer Kontrast sein zum deutschen Allerweltsnachnamen.“ „Er soll zum Nachnamen passen.“ „Er soll zum Kind passen.“Diese Antworten stammen aus dem Jahre 2011.
Was Eltern vor hundert oder tausend oder zweitausend Jahren geantwortet hätten – das wissen wir nicht. Historiker glauben, dass die Eltern es früher mit dem omen und dem Wunsch noch sehr wörtlich genommen haben: in vorchristlicher Zeit bedeuteten die Namen Mut, Kraft, Zauber, Weisheit – Sigrun oder Gudrun zum Beispiel. Diese Eigenschaften sollten per Namensvergaberitual auf den kleinen Menschen übergehen.

Mit dem Christentum kamen die christlichen Namen: alt-testamentarische, Heiligennamen – anfangs, um deren Eigenschaften dem Täufling als Vorbild mitzugeben, später dann um ihn unter dessen Schutz zu stellen – oder fromme Neubildungen wie Leberecht und Gottlobine.
Modewellen wie wir sie heute kennen gab es wohl früher nicht, zumindest lassen die wenigen und nicht einheitlichen Daten keine Schlüsse darüber zu.

Das Material der letzten ein-, zweihundert Jahre ist deutlich umfangreicher  und lässt mehr Aussagen zu. Zum Beispiel diese: Es kam Bewegung in die Vornamenswahl.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kommt die revolutionäre Idee einer deutschen Nation auf. Nationale, deutsche Namen werden modern, gleichzeitig bekommen weniger Kinder christliche Namen, jüdische Namen, französische, russische, altgriechische. Höhepunkt sind die 30iger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Dann vergeht das Tausendjährige Reich 988 Jahre früher als gedacht und Gerhard, Helmut und Siegrun sind relativ bald ziemlich out.
Das ist der eine Trend: über die Jahrzehnte und Jahrhunderte ändern sich die Namen, die Quellen, aus denen Eltern schöpfen, um ihre Wahl zu treffen.
Der andere Trend ist: immer mehr Kinder haben unterschiedliche Namen.
Die zehn beliebtesten Vornamen trugen 1890 zwei Drittel der Kinder. 2010 verteilen sich die Top Ten nur noch auf ein Fünftel. Immer weniger Kinder werden nach ihren Eltern oder Großeltern benannt: 1890 waren es noch ein Viertel, Mitte der Neunziger nur noch 3 Prozent.
(Beides sind Circa-Angaben. Denn je nachdem ob nur die Erst- oder auch die Zweitnamen einbezogen werden, welche Schreibweisen oder Varianten als ein Name oder als zwei gezählt werden und in wie weit regionale Unterschiede berücksichtigt werden, gibt es Unterschiede. Das gilt auch für alle vorherigen und alle folgenden Aussagen und im Grunde für die gesamte Namensforschung.)
Nicht nur innerhalb eines Jahrgangs werden mehr unterschiedliche Namen vergeben, auch die einzelnen Jahrgänge unterscheiden sich. Namensforscher verwenden dazu das Wort „Turnover“. Ein Turnover ist dann vollzogen, wenn alle Namen in den Top Ten durch neue ersetzt worden sind. In der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts standen Hans, Peter, Ursula und Karin jahrzehntelang an der Spitze. In jüngerer Zeit geschieht das immer schneller: auf Lukas folgt Niklas, dann Jan, dann Leon. Auf den hinteren Plätzen erscheinen immer neue, immer andere Namen: altfriesische, neu-amerikanische, japanische oder selbst ausgedachte.
All das, so sagen Soziologen, ist ein Zeichen für die Individualisierung der Gesellschaft. Heute soll kein Kind mehr nur ein Jemand sein, nur einer von vielen, nur der Sohn seines Vaters. Sondern eine individuelle Persönlichkeit.
Es ist natürlich Illusion, zu glauben, wir Eltern heute würden für unser Kind den einen Namen finden. Ganz anders als Oma damals, die ihr Kind nannte wie Opa oder wie den Kaiser oder wie einen Heiligen oder wie alle anderen Hans oder Walter. Denn spätestens vier Wochen nach der Geburt müssen Eltern sich entschieden haben; und die meisten legen sich ja schon vor der Geburt fest. Wer genau dieses Persönchen ist und was es unverwechselbar und individuell machen wird, kann da noch gar keiner wissen.

Was ist nun mit den omen? Namen senden sehr wohl Botschaften. Aber völlig unabhängig von den Personen die sie tragen, für die sie ausgesucht wurden. Sondern sehr abhängig von der hörenden Person, der Gesellschaft an sich. Jeder Name löst Assoziationen aus – je nach dem wer ihn wann, wo und wie hört sehr unterschiedliche. Das zeigen Umfragen und Statistiken immer wieder.
Allein der Klang eines Namens wirkt: A, O, U sind runde Vokale, offene. Und sie klingen auch so: offen, lebensfroh, optimistisch. E und I, sind kurz, schmal und spitz und wirken nüchtern und nach innen gekehrt. Hanna oder Hedwig? Momentan liegen extrovertierte Optimisten mit vielen A´s im Trendin den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts ging es deutlich sturmfester und erdverwachsener zu und die Kinder hießen Siegfried, Elfriede und Irene .
Unabhängig vom Klang transportiert jeder Namen auch eine Botschaft über Geschlecht, Alter, Status. Zum Beispiel kommen Bewerbungen von Mohammed Özer oder Moses Okafor viel öfter zurück als die von Maximilian Otten – auch wenn es sich zu Testzwecken um jeweils die gleiche gehandelt hat.
Zum Beispiel wird die gleiche Klassenarbeit besser bewertet wird, wenn sie Sebastian geschrieben hat als wenn Jason drüber steht – auch wenn es sich zu Testzwecken um jeweils die gleiche gehandelt hat.

Was auch immer Politiker und Wissenschaftler zur Klassengesellschaft in Deutschland denken, wünschen, sagen und veröffentlichen, dass sich die Schichten durchmischen zum Beispiel oder auflösen – anhand der Namen kann man das nicht feststellen, im Gegenteil: die von allen Schichten gemeinsam vergebenen Namen werden über die Jahrzehnte weniger, das hat der Soziologe Jürgen Gerhards ausgerechnet. 1890 waren es gut die Hälfte, 2000 nur noch ein gutes Viertel.
Für die Soziologen ist klar: die Vornamen der Deutschen sagen etwas über die Entwicklung ihrer Gesellschaft aus.

Allerdings ist das nur im Rückblick so klar.
Vorhersagen, welcher Name was wann aussagt, kann keiner. Denn das ändert sich mit der Zeit und der Gesellschaft und hat eine gewisse Eigendynamik.
Ein Beispiel ist der mittlerweile sprichwörtliche Kevin. Der von einem seltenen, alten keltischen Namen zum beliebten Vornamen und dann zum Synonym für ein verwahrlostes ADHS-Kind wurde. Wäre das auch geschehen, wenn es Anfang der 90iger die beiden Filme über den kleinen alleinen Kevin nicht gegeben hätte? Wenn Kevin Costner nicht ein so beliebter Schauspieler gewesen wäre? Wenn bestimmte Eltern nicht mit Vorliebe ihre Kinder nach Berühmtheiten aus Sport, Film Musikbuisness oder Fernsehen nennen würden? Wenn der kleine tote Junge im Bremer Kühlschrank Anton geheißen hätte?
Wer weiß, vielleicht ist in zwanzig Jahren Kevin so out, dass es wieder in sein wird, sein Kind so zu nennen; zumindest in bestimmten Kreisen, die sich mit besonders ungewöhnlichen Vornamen zu anderen Milieus und auch innerhalb ihres eigenen abgrenzen möchten. Diese Kreise, die ihre Kinder zur Zeit Hugo nennen, Oskar, Friedrich, Otto oder Karl. Als Jugendliche, in den 80iger Jahren, hätten die meisten dieser Eltern einen Eid geleistet, dass sie ihr Kind niemals Hugo, Oskar, Friedrich, Otto oder Horst nennen würden. So hießen die Opas. Und Else, Liese oder Trine waren Synonyme für „blöde Schnepfe“.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Welchen Namen ein Kind bekommt, entscheiden die Eltern. Aber wie die sich entscheiden hängt davon ab, wie sie sich gegenüber dem Lauf der Zeit und dem Geschmack der Gesellschaft gesamt und ihren Kreisen positionieren.
Nomen est omen, ein bisschen. Nomen sind Wünsche. Und ganz viel Zeitgeist.

Sigrid Tinz ist Wissenschaftsjournalistin, Fachjournalistin für Kinder- und Jugendliteratur und vierfache Mutter. Über ihren Alltag zwischen Forschung und Familie schreibt sie regelmäßig Kolumnen für die Westfälischen Nachrichten aus Münster.

Thema: Jahrzehnte

.