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Förderwut: Erziehungsexperten warnen vor der Überforderung kleiner Kinder

Welche Stimulationen ein Baby wirklich braucht

(ots) – “Ich beobachte mit Sorge bei immer mehr Eltern eine regelrechte Förderwut, weil sie Angst haben, ihrem Kind sonst die Zukunft zu verbauen.” Im Interview mit der Zeitschrift ELTERN (Ausgabe 12/2008) warnt der renommierte Hirnforscher Professor Gerald Hüther aus Göttingen davor, Babys und Kleinkinder zu überfordern.


Grundsätzlich sei nichts dagegen einzuwenden, ein Baby beispielsweise zum Englischkurs anzumelden. Professor Hüther:

“Jedes Kind hat Freude daran, zusammen mit Mama oder Papa etwas zu unternehmen. Schon mit acht Monaten finden es Babys spannend, englische Lieder zu hören oder zuzugucken, wie sich Kasperle und das Krokodil auf Englisch streiten. Und nebenbei hören sie noch Laute, die sie so aus der Muttersprache nicht kennen. Allerdings: Der Spaß hört schnell auf, wenn Kinder Druck spüren. Zum Beispiel den, dass die Eltern den Kurs aus Angst vor späteren Schulproblemen gebucht haben.”

Auch im Apothekenmagazin “Baby und Familie” mahnt Professor Hüther, kleine Kinder nicht mit zu viel Wissensvermittlung zu überfordern. Kinder sind zwar fürs Lernen wie geschaffen – doch alles zu seiner Zeit. Jedes Wissen muss auf bestehenden Erfahrungen und Kenntnissen aufbauen. “Deshalb macht es beispielweise überhaupt keinen Sinn, sehr kleine Kinder ein Musikinstrument spielen zu lassen”, erklärt Privatdozentin Dr. Fabienne Becker-Stoll, Leiterin des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München. Feinmotorik kann erst trainiert werden, wenn die Grobmotorik gefestigt ist.

Hüther rät Müttern und Vätern dazu, nicht von Babykurs zu Babykurs zu hechten, sondern sich selbst die Chance zu geben, ihr Kind erst einmal als kleine, einzigartige Persönlichkeit zu betrachten und zu schauen, was seine individuellen Begabungen und Interessen sind und was es von sich aus gerne lernen möchte. Der Hirnforscher erläutert:

“Der Drang, Neues zu lernen, ist auch ohne Anregungen von außen von Beginn an da. Ein Baby sucht sich selbst die Reize, die sein Gehirn stimulieren, und seien es in den ersten Wochen die Sonnenstreifen an der Zimmerdecke. Unser Job als Eltern ist es, uns in Sachen Förderung von unserem Baby führen zu lassen! Es zeigt uns schon, ob es gerade neugierig ist und nach Anregungen sucht, ob es einfach nur Nähe braucht – oder schlicht in Ruhe gelassen werden will.”

Kinder brauchen vor allem Gelegenheit zu ungebundenem Spielen. “Das ist kein überflüssiger Unsinn, sondern eine sinnvolle, altersgemäße Beschäftigung, bei der Kinder alles Mögliche lernen”, so Becker-Stoll. Viele Erwachsene dächten für ihre Kinder viel zu weit in die Zukunft: “Eltern sollten sich zurücklehnen und einfach mit Spaß betrachten, welche unglaublichen Kräfte ihre Kinder aus sich heraus entwickeln”, rät Professor Hüther.

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