Vornamen Wiener Schüler im Jahre 1900

Der österreichische Literaturwissenschaftler Dr. Robert Franz Arnold hat im Jahr 1900 eine Vornamenstatistik erstellt. Im Detail hat er die Vornamen von 700 Schülern und 700 Schülerinnen von Volksschulen in den westlichen Bezirken Wiens ausgewertet. Er ist auf 69 verschiedene Jungennamen und 86 verschiedene Mädchennamen gestoßen, die Geburtsjahre der Kinder liegen zwischen 1887 und 1892.

Vornamenrangliste Wiener Schüler von 1900

(In Klammern die Anzahl der Namensträger)

Mädchen Jungen
  1. Marie (117)
  2. Anna (71)
  3. Rosa(lie) (33)
  4. Leopoldine (32)
  5. Hermine (25)
  6. Therese (25)
  7. Katharine (23)
  8. Johanna (21)
  9. Karoline (21)
  10. Helene (20)
  11. Francisca (Fanny) (19)
  12. Elisabeth(Elsa) (18)
  13. Josefine (18)
  14. Emma (15)
  15. Margarete (15)
  16. Pauline (15)
  17. Stephanie (13)
  18. Antonie (10)
  19. Berta (10)
  20. Wilhelmine (10)
  21. Hilde(gard) (9)
  22. Olga (9)
  23. Adele (8)
  24. Gisela (8)
  25. Barbara (7)
  26. Hedwig (7)
  27. Emilie (6)
  28. Adolfine (5)
  29. Aloisia (5)
  30. Auguste (5)
  31. Christine (5)
  32. Eugenie (4)
  33. Irma (4)
  34. Ludmilla (4)
  35. Albine (3)
  36. Amalie (3)
  37. Ernestine (3)
  38. Julie (Juliane) (3)
  39. Magdalene (3)
  40. Marianne (3)
  41. Martha (3)
  42. Rudolfine (3)
  43. Valerie (3)
  44. Angela (2)
  45. Cäcilie (2)
  46. Elfride (2)
  47. Florentine (2)
  48. Friederike (2)
  49. Gabriele (2)
  50. Ida (2)
  51. Ilka* (2)
  52. Justine (2)
  53. Mathilde (2)
  54. Melanie (2)
  55. Sophie (2)
  56. Victoria (2)
  57. Alice, Apollonia, Arabella, Aurelie, Bernhardine, Bohumila*, Camilla, Charlotte, Clementine, Constanze, Eleonore, Ella, Erika, Hertha, Irene, Jolanthe, Klothilde, Laura, Ludovica, Luise, Ottilie, Philomene, Regine, Rosine, Selma, Seraphine, Sidonie, Stella, Thekla, Veronica (je 1)
  1. Karl (82)
  2. Josef (76)
  3. Franz (65)
  4. Johann (50)
  5. Rudolf (37)
  6. Leopold (31)
  7. Friedrich (22)
  8. Otto (22)
  9. Robert (17)
  10. Wilhelm (17)
  11. Anton (15)
  12. Ferdinand (15)
  13. Heinrich (15)
  14. Alfred (14)
  15. Ludwig (14)
  16. Gustav (13)
  17. Victor (13)
  18. Oskar (12)
  19. Alois (10)
  20. Adolf (9)
  21. Emil (9)
  22. Hugo (9)
  23. Julius (9)
  24. Ernst (8)
  25. Max(imilian) (8)
  26. August (7)
  27. Georg (7)
  28. Hermann (7)
  29. Paul (7)
  30. Theodor (6)
  31. Adalbert (5)
  32. Alexander (5)
  33. Arthur (5)
  34. Eduard (5)
  35. Ignaz (5)
  36. Norbert (4)
  37. Arnold (3)
  38. Leo (3)
  39. Erwin (2)
  40. Felix (2)
  41. Michael (2)
  42. Siegfried (2)
  43. Wolfgang (2)
  44. Albrecht, Alfons, Andreas, Bernhard, Bela*, Edmund , Emmerich, Engelbert, Eugen, Hellmut, Jakob , Konrad, Kurt, Leonidas, Maryjan*, Moriz, Otmar, Ottokar, Philipp, Raimund, Reinhold, Roland, Stephan,Wenzel* und Willibald (je 1)

Hier die Schlussfolgerungen, die Dr. Robert Franz Arnold seinerzeit aus dieser Namensstatistik zog:

Auf 700 Knaben kommen, wie erwähnt, 69, auf ebensoviel Mädchen 86 verschiedene Namen; lassen wir die mit * versehenen, offenbar nichtdeutschen Kindern eignenden Namen weg, so erhalten wir das Verhältnis 700:66, resp. 184; es kommt auf durchschnittlich 10 Knaben, bzw. 8 Mädchen 1 Name, der weibliche Vorrat ist also größer. Deutscher Namen zählen wir 33 männliche, 25 weibliche; hier also erweist sich das starke Geschlecht überlegen. Eine rigorose Zählung müsste übrigens von den Frauennamen noch volle 18 ausstoßen: alle -inen (7), die Bildungen aus
Deutschen Wurzeln mit dem romanischen Suffix -ie (2), französische Ableitungen (Adele, Charlotte, Luise) italienische (Hermine, Ludovica); auch gegen Friederike, Hertha, Irma ließe sich manches sagen, so dass am Ende gerade nur 8 allweg gutdeutsche Namen übrigblieben: Emma, Berta, Hilde(gard), Gisela, Hedwig, Ida, Mathilde, Klothilde. Dass von den aufgezählten, allgemein in Verwendung befindlichen 10 reindeutschen Frauennamen Adelheid und Gertrud unter 700 Wienerinnen nicht eine Vertreterin finden, mag billig befremden. Auf 84 Wiener Mädchennamen kommen also 25 (streng 8!) reindeutsche. Günstiger steht es bei der männlichen Gruppe: von 33 deutschen Namen kann keiner ernstlich angefochten werden, es müsste denn Robert, der französische Platzhalter für Rupert, oder Richard (wegen des ersten Vokals, der nach England weist) oder der ein wenig vom Latein angehauchte Leopold sein; also: die Männernamen, wie sie vor etwa einem Jahrzehnte hier in Wien den neugeborenen Kindern verliehen wurden, waren zur Hälfte deutsch.

H. Chr. Schnack zählt als die in Norddeutschland auf dem flachen Lande gebräuchlichen Namen folgende auf: Asmus*, August, Christian*, Detlev*, Diedrich*, Ernst, Franz, Friedrich, Heinrich, Joachim*, Johann, Karl, Klaus*, Ludwig, Peter*, Wilhelm — Anna, Katharina, Magdalene, Margarete, Marie, Sophie. Von diesen Männernamen fehlen nicht weniger als 7 in unserer Liste überhaupt, aber von den weiblichen keiner. Analoge Erscheinungen wiederholen sich, so oft man die Lieblingsnamen verschiedener deutscher Stämme untereinander vergleicht; die Namengebung der Männer ist eben sparsamer und nationaler, aber geographisch variabler als die bunte und kosmopolitische, aber über das deutsche Sprachgebiet gleichmäßig verteilte weibliche. Die Liste, in welcher Schnack die in den niederdeutschen Städten gangbarsten männlichen Vornamen zusammenstellt, nähert sich der unsrigen natürlich weit mehr; zwischen der Nomenklatur der Gebildeten und der der niederen Stände herrscht im allgemeinen genau derselbe Gegensatz wie zwischen weiblichem und männlichem Namenvorrat im besonderen.

Betrachten wir unsere österreichische Liste für sich allein, so erscheinen links besonders bevorzugt Karl (von 8 — 9 Knaben einer), Josef und Franz (circa 1 : 10), Johann (1 : 14), Rudolf (ca. 1 : 19), Leopold (ca. 1 : 22), Otto (ca. 1 : 32), Friedrich (ca. 1 : 37). Bis hierher ist alles eiserner Bestand (Karl, Johann, Friedrich), dynastische (Franz, Josef, Rudolf, Otto), lokal-religiöse Hilfe (Leopold); dahinter beginnen schon die literarisch, euphonisch und sonstwie gestützten Namen. Mit abnehmender Häufigkeit wächst natürlich die Zahl der Namen: 25 männliche, 30 weibliche sind unter 1400 Kindern nur je einmal belegt. Noch unbestrittener als Karl über die Knaben herrscht Marie über die Mädchen (ca. 1 : 6) ; Anna ist etwa so häufig wie Josef; Rosa wie Rudolf; Leopoldine wie Leopold; Hermine, Therese, Katharine wie Otto und Friedrich; Johanna, Karoline, Helene, Francisca, Elisabeth und Josefine kommen den vorgenannten nahezu gleich; dahinter beginnen bereits exklusivere Namen. In den höchsten Ziffersätzen der weiblichen Liste greifen also religiöse Hilfe und eiserner Bestand ineinander (Marie, Anna, Katharine, Helene), oder dynastische Hilfe tritt noch hinzu (Therese, Elisabeth), daneben erscheinen die Feminina beliebter Mannsnamen bevorzugt. Leopoldine (Leopold), Johanna (Johann), Karoline (Karl), Josefine (Josef), auch fällt die große Popularität von Rosa und Rosalie (ca. 1 : 21) auf. Wenn schon von 8—9 Wienern einer den reindeutschen Namen Karl führt, so sind die entsprechenden höchsten Sätze der weiblichen Tabelle erst bei Emma (ca. 1 : 47) und Berta (ca. 1 : 70) zu finden.

Nicht nur Zählungen auf dem flachen Lande oder in Städten des Deutschen Reiches und der Schweiz würden interessante Abweichungen bieten; schon innerhalb unseres Vaterlandes, selbst innerhalb Niederösterreichs und sogar Wiens müssten sich Differenzen mit unserer Tabelle ergeben: im letzteren Falle nämlich dann, wenn andere Bezirke und insbesondere andere Kindergruppen als eben Volksschüler, z. B. Gymnasiasten oder, höhere Töchter aufgenommen würden. Ich habe mit Absicht Volksschulen und zwar solche der westlichen Bezirke zur Basis meiner Zählung gewählt.

Quelle: Dr. Robert Franz Arnold, Die Deutschen Vornamen, Wien 1901

Thema: Statistik

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